Prof. Dr. Karlheinz Schüssler

Dieses Projekt befasst sich mit der frühen ägyptischen (d.h. koptischen) Kirche und geht insbesondere folgenden Fragestellungen nach:

  1. Welchen Einfluss nimmt die altägyptische Kultur auf das frühe Christentum in Ägypten? Wie leben ägyptische Kunst (Malerei, Buchmalerei), aber auch Sitten und Bräuche (Feste) in der ägyptisch-koptischen Kirche weiter?
  2. Wie war der Gottesdienst in der alten ägyptischen Kirche organisiert und welche liturgischen Elemente sind heute noch erhalten bzw. entfallen oder hinzugekommen?
  3. Wie sah der "Urtext" unserer Bibel aus? Welche Rückschlüsse können wir aus den frühen Bibelübersetzungen in die ägyptisch-koptische Sprache ziehen?
  4. Wie lautete die ursprüngliche Bibelübersetzung in das Koptische? Welche Textvorlage hat der Übersetzer benutzt?

Diese komplexen Themen lassen sich nur anhand intensiver und umfassender Quellenstudien beantworten, d.h. ausschließlich anhand der koptischen Originalhandschriften. Und gerade in der Beschaffung dieser Handschriften – Codices aus Papyrus und Pergament vom 3. bis zum 14. Jh. – liegt der Schwerpunkt des Forschungsprojektes: In keinem anderen Land auf Erden als gerade in Ägypten haben damals die Ausgräber oder Handschriftenhändler die wertvollen Codices zerrissen und auf der Jagd nach Geld möglichst jedes Blatt einzeln an Durchreisende verkauft. So gelangten unzählige Blätter bzw. Fragmente von demselben Codex – glücklicherweise – in die diversesten Bibliotheken: in die Bibliotheca Vaticana in Rom, nach Wien in die Österreichische Nationalbibliothek, nach Berlin in die Staatlichen Museen, nach Oxford, London, Paris, New York, Moskau oder Cairo.

So ist es vordringliche Aufgabe dieses Projektes, all diese verstreuten Blätter wieder aufzufinden und sie mit ihrem ursprünglichen Codex zu vereinen. Nur auf diese Weise ist gewährleistet, dass wir einen homogenen Text einer bestimmten Handschrift auch richtig verstehen und interpretieren können.

Als Beispiel nenne ich nur, dass wir zwar ein Neues Testament in koptischer Sprache besitzen (ein gewisser George Horner hat es vor rund 100 Jahren angefertigt), aber eben diese Bibelausgabe besteht ausschließlich aus Fragmenten, die Horner irgendwo in der Welt vorfand und deren Text er zusammensetzte ohne Rücksicht darauf, dass die Handschrift mit diesem Text mal aus dem 4., dann aus dem 13., dann aus dem 7. Jh. stammt. Somit hat er ein Werk geschaffen, das keinen homogenen Text bietet, allenfalls einen Text, den es so nie gegeben hat.

Anders nun die Arbeit an dem Projekt Biblia Coptica: Hier werden die einzelnen Fragmente, die verstreut aufbewahrt werden, ihrem ursprünglichen Codex zugewiesen, und auf diese Weise entsteht ein erstmals homogener Text, eine Handschrift also, die einen einheitlichen Text aus einer ganz bestimmten Zeit präsentiert, der an einem ganz bestimmten Ort niedergeschrieben wurde. Das gilt nicht nur für die uns bekannten Bibeltexthandschriften, sondern gleichwohl für jene 50 Evangelien (Evangelium Mariae, Evangelium Veritatis usw.), die wir aus dem ägyptischen Wüstensand kennen. Und das gilt auch für liturgische Handschriften, die uns über die Gestaltung des Gottesdienstes Auskunft geben.

Im Laufe der Jahre habe ich über 240.000 Blätter alter koptischer Bibeln abfotografiert, registriert und ausgewertet. Und täglich kommt das eine oder andere Blatt hinzu, so gerade eine Handschrift mit dem Text des Johannesevangeliums, jüngst gefunden in der ägyptischen Flussoase Faijum.

Die in den zurückliegenden Jahren erzielten Ergebnisse sind vielfältig und finden ihren Niederschlag in der Biblia Coptica. Die koptischen Bibeltexte. Das sahidische Alte und Neue Testament. Hrsg. von K. Schüssler, Lieferung 1-9. Wiesbaden 1995-2007. C. Detlef G. Müller sagt hierüber in seiner Rezension (OrChr 1997): Hier ist "ein wichtiges Corpus im Entstehen. Hält Schüssler in dieser Form durch, wird er uns die koptische Bibelübersetzung auf ganz neue Weise erschließen und ein grundlegendes Werk und Handbuch vorlegen.“

Bibeltexte auf koptischen Ostraka

Darüber hinaus ist ein weiteres Werk in Arbeit mit dem Titel: Bibeltexte auf koptischen Ostraka. Hier geht es um die Zusammenstellung von Bibelversen, die auf Ostraka, also auf Scherben (in der Regel von Tonkrügen), selten auch auf Kalksteinen festgehalten wurden. Die nachstehende Übersicht vermittelt einen ersten Eindruck von dem umfangreichen Material:

Veröffentlichungen

Bislang sind folgende Bücher erschienen:

1. Band

3. Band

4. Band

Meine Bücher zu diesem Projekt können über den Harrassowitz Verlag bezogen werden.

Handschriften-Bibliothek: Schriftproben

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Biblia Coptica

Handschriften-Bibliothek: Texte

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